Da sind wir wieder!

Aber dass ich hier so entspannt auf dem Sofa sitzen kann, mit dem Laptop auf den Beinen, während meine Füße auf meinem Rollstuhl liegen, ist eigentlich schon fast wert, gefeiert zu werden. Aber warum unser wunderschönes Berlin-Wochenende so dramatisch enden musste, erzähle ich lieber mal Schritt für Schritt.

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Zu aller erst muss gesagt werden, dass das Wochenende wirklich großartig war! Wir haben viele wunderbare Menschen getroffen, interessante und anregende Gespräche geführt und ein wenig Großstadtluft geschnuppert. Aber was genau wir so alles erlebt haben, erzählen wir ein andermal.

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Freitagnachmittag sind wir mit Lufthansa von Frankfurt nach Berlin geflogen. Natürlich war ich unglaublich nervös. Dass ich das letzte Mal geflogen bin, ist schon ein paar Jahre her und das war noch ohne Rollstuhl. Die Tatsache, dass ich mittlerweile abhängiger bin (z.B. vom Personal, das mich ins Flugzeug bringt) und da ja jede Menge schiefgehen kann, machte meine Aufregung nicht besser. Deshalb haben wir uns sicherheitshalber schon mal etwas früher von meiner Schwester an den Flughafen fahren lassen (Der frühe Vogel und so…). Also hatten wir noch genug Zeit das Gepäck aufzugeben, die schönen Etiketten für meinen Rollstuhl zu besorgen und danach immer noch in aller Seelenruhe den Flughafen zu erkunden.

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Der Frankfurter Flughafen ist ja riesig und der perfekte Ort um jede Menge Menschen zu beobachten und Albernheiten auf den Laufbändern (offiziell heißen sie Fahrsteig. Falls niemand weiß was das ist, ich meine die flachen Rolltreppen) zu treiben. Aber interessanter Weise, klappte der komplette Flug, samt Einchecken und Sicherheitskontrolle reibungslos. Man könnte ja davon ausgehen, je größer der Flughafen, desto eher eventuelle Probleme oder Pannen. Aber nichts von allem dem, denn die gab es erst auf dem Rückflug!

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Der Flughafen Berlin-Tegel ist ja ganz süß. Oder anders formuliert, ein Provinzflughafen, wenn man aus Frankfurt kommt. Kaum hat man seinen Koffer, ist man auch schon draußen. Und genauso auch andersherum. Man könnte das Gefühl bekommen, dass die Berliner brav darauf warten, dass der neue Flughafen BER, doch demnächst fertig wird und deshalb muss auch am Flughafen Berlin-Tegel nichts mehr gemacht werden.

Wir versuchen also am Sonntagnachmittag uns durch das Taxichaos vorm Flughafen zu kämpfen und sind heilfroh, als wir endlich durch die Eingangstüren kommen. Doch leider müssen wir feststellen, dass das Chaos drinnen noch viel schlimmer ist. Die Schlange zum Einchecken ist quasi direkt hinter den Eingangstüren. Und offensichtlich wollen gerade ganz schön viele Menschen einchecken. Wir suchen eine Tafel, um zu schauen an welchen Schalter wir müssen und stellen voller Freude fest – am anderen Ende der Halle! Wunderbar. Also nichts wie ab durch die Menschenmassen und nicht von den Gedanken ablenken lassen, die uns beiden interessanter Weise fast zeitgleich kommen. Sollte irgendein Terrorrist auf die schreckliche Idee kommen und ganz viele Menschen auf einmal in den Tod reißen zu wollen, dieser Flughafen wäre ja fast prädestiniert dafür. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf rennen wir noch ein wenig schneller und sind froh, als wir endlich den Schalter erreichen. Dann der obligatorische Blick: Oh Gott, ein Rollstuhl! Doch Lukas und ich sind guter Dinge und beruhigen die arme Frau.

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Ich kann nur nicht laufen, also kein Grund zur Panik. Sie blüht förmlich auf und meint, wir sollen doch dann als letztes durch die Sicherheitskontrolle, dann müssten wir auch nicht so lange im Flugzeug warten. Denn jetzt kommt der Clou: Nach der Sicherheitskontrolle gibt es keine rollstuhlgerechte Toilette mehr. Ich bin entrüstet. „Das ist nicht Ihr Ernst, oder?“, frage ich nach und hoffe es war ein schlechter Witz. „Doch“, sagt die Frau am Schalter, „der Flughafen wurde halt vor 40 Jahren gebaut.“ „Und da gab es noch keine Behinderten?“, kontere ich. „Nein, die sind nicht geflogen“, beantwortet sie knapp. Ok, ich merke, das hat so keinen Sinn und mir ist auch gerade nicht nach einer Grundsatzdiskussion, deshalb lasse ich das ausnahmsweise mal so stehen. Ich wende das Gespräch direkt in Gegenwart und frage sie, wo denn dann außerhalb der Sicherheitskontrollen noch eine Toilette sei. Ich habe ja schließlich noch 15 Minuten Zeit. Ihr Gesicht spannt sich leicht an und durch einen schmalen Schlitz ihrer Lippen sagt sie verkrampft: „Am anderen Ende der Halle“. Ich kann nicht mehr. Das kommt mir alles vor wie in einem schlechten Film. Sie wollen mir nicht wirklich erzählen, dass es heute, im Jahre 2016, am mittlerweile größten Flughafen der Deutschen Hauptstadt, nur eine Toilette für Rollstuhlfahrer gibt??

Ich habe leider keine Zeit mich aufzuregen, denn wenn ich nur mal kurz die Zeit überschlage, brauche ich jeweils 5 Minuten für die Strecke. Also sollte ich mich beeilen, falls an diesem Flughafen verrückter Weise noch ein Rollstuhlfahrer unterwegs sein sollte.

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Es kommt wie es kommen muss. Ich rase los und muss natürlich vor der Toilette warten (wie kann es auch mehr, als einen Rollstuhlfahrer geben?) und werde prompt ausgerufen. Ich muss lachen über diese ganze Komik der Situation. Ich spute mich und rase durch Menschenmassen zurück zum Schalter. Schon 5 Meter davor kommt mir eine Mitarbeiterin des Flughafenpersonals entgegen. Sie brüllt lauthals meinen Namen durch die Leute hindurch und fängt an zu zetern. So ginge das schließlich nicht und ich hätte als erstes ins Flugzeug gemusst und der Kapitän würde jetzt ohne uns fliegen. Ich stehe, vollkommen abgehetzt von der Raserei, vor ihr und starre sie mit offenem Mund an. Der Lukas findet eher als ich seine Sprache wieder und erklärt ihr freundlich, dass nicht wir uns entschieden haben, als letztes einzusteigen, sondern die Frau am Schalter. Das sei gelogen schreit sie patzig und wir hätten jetzt mit den Konsequenzen klarzukommen. Mittlerweile hören alle anderen Menschen um uns herum zu und fangen an zu tuscheln. Doch mir wird es zu bunt. In wütendem und lautem Ton, damit die Leute um uns herum einmal alles mitbekommen erkläre ich der Frau, dass ich mir dieses Theater langsam nicht mehr gefallen lasse.

Sie brauche nicht zu glauben, dass nur weil ich nicht laufen könne, ich diese Spielchen mit mir treiben lasse. Für mich gäbe es keinen Grund nicht als Erste einzusteigen und es sei auch nicht mein Entschluss gewesen. Sichtlich überrascht von meinem Auftritt, dürfen wir nun doch die Sicherheitskontrolle passieren und werden vom Personal ins Flugzeug begleitet. Als ich schon auf meinem Platz sitze, kommt als letztes Passagier der Lukas ins Flugzeug und sagt mir, dass mein Rollstuhl noch immer nicht abgeholt wurde, sondern noch im Zubringer steht. In mir steigt Panik auf. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Rollstuhl entweder ins falsche, oder erst gar nicht ins Flugzeug verladen wird. Und keine Stunde später in Frankfurt kommt die tolle Überraschung: Kein Rollstuhl da!

Immer mehr Menschen in gelben Warnwesten kommen herbei und telefonieren nervös herum, weil keiner, aber auch wirklich keiner, meinen Rollstuhl gesehen hat. Nicht ohne Grund ist er extra etikettiert worden! Lukas und ich haben langsam die Nase voll. Warum klappte das so einwandfrei von Frankfurt nach Berlin, nur andersherum geht gar nichts? Sie bringen mir einen Leihrolli mit der charmanten Sitzbreite von mindestens 50 cm. Klasse, da passe ich ja quasi zwei Mal rein. Meine Laune ist absolut im Keller. Ich habe nicht so unglaublich viel geschlafen das Wochenende und langsam reicht es mir. Ich will einfach nur meinen verdammten Rollstuhl wiederhaben und nach Hause!

Doch wer suchet, der findet. Nach weiteren Telefonaten und langem Suchen, findet man ihn plötzlich beim Sperrgepäck. Nun, da hat es das Etikettieren ja wirklich gebracht! Ich bin froh, endlich wieder selbstständig fahren zu können (bei 50cm Sitzbreite reichen meine Arme leider nicht bis an die Greifreifen!) und der Lukas und ich machen uns auf den Heimweg.

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Was ein Glück, dass es ein Happy-End gab, sonst hättet ihr sicherlich die Schlagzeile gelesen: „Rollstuhlfahrerin überrollt Servicepersonal in Leihrollstuhl mit Überbreite!“

5 Kommentare

  • Ach ja… Rollstuhl auf Flugreisen. Immer wieder ein Abenteuer. Unseres war allerdings noch viel größer (und offen gestanden: auch viel, viel ärgerlicher, denn uns hat es den gesamten Urlaub vermasselt). Am 27.03.2008 sind wir mitten in die British Airways völlig missglückte Inbetriebnahme des neuen Terminal 5 in London Heathrow geraten. Zunächst wurden 34 Flüge gecancelt und die gesamte Gepäckbearbeitung eingestellt. An diesem und in den folgenden Tagen sind mindestens 42.000 Gepäckstücke liegen geblieben. Weitere 500 Flüge mussten gestrichen werden. Wir wollten in Heathrow eigentlich nur auf dem Weg nach Kapstadt umsteigen – leider gehörten zu den verlorenen Gepäckstücken nicht nur unsere Koffer sondern auch der Rollstuhl des Gatten – und unser Urlaub war damit frühzeitig und endgültig zu Ende.

  • Und wir flogen vor ca. 10 Jahren auch von London Heathrow zurück gen Berlin Txl. Mein Rolli war nicht mitgeflogen. Der Leihrolli von der Fluggesellschaft hatte so lockere Greifreifen, daß ich dachte, der Rolli bricht unter meinem Hintern in zwei Teile. Nach ca 3 Stunden, wurde mein Rolli per Messenger zu uns nach Hause gebracht. Die Greifreifen hatten eine solide Acht, der Rolli muss im Gepäckraum herumgeschleudert worden sein. Einige Wochen später bekam ich über die Versicherung der Lufthansa neue edle Greifreifen. Aber der Ärger und die ganzen Scherereien sitzen mir bis heute in den Knochen, so daß ich es vorziehe mit der Bahn zu fahren. Hier muss ich zwar mit Verspätungen rechnen, habe aber wenigstens meinen fahrbaren Untersatz unter mir in Kontrolle und das ist mir das Wichtigste.

  • Spannend, das mal aus einer anderen Perspektive zu lesen. Ich hab selbst mal am Flughafen als Bodenstewardess gearbeitet und hatte teilweise auch richtig Angst vor irgendwelchen Sonderfällen. Die Mitarbeiter am Check-In sind meist bei Drittfirmen angestellt (gehören nicht zur Airline und verdienen einen Hungerlohn bei grauenvollen Arbeitszeiten) und kaum jemand übersteht das ganze lange. Ich war ein halbes Jahr dort und danach ziemlich im Eimer. Man wird als Mitarbeiter dort einfach nicht gut genug vorbereitet und hat eine Mega-Verantwortung zu tragen. Unterstützung von den Vorgesetzten kannst du in der Regel auch vergessen. Und für die fehlende Toilette hinter der Sicherheitskontrolle kann die Kollegin hinter ihrem Schalter ja nichts. Wenn sie dich nett darauf hinweist, dass es dort keine gibt, ist das ja schon alles was sie tun kann 🙁 Leider! Ich habe solche Fälle immer gern direkt darauf angesprochen, sich beim Flughafen oder der Airline zu beschweren (wenn z.B. ein Flug überbucht war und jemand keinen Platz mehr bekommen hat oder fälschlicherweise was bei der Sitzplatzreservierung schief gegangen ist). Die Check-In Leute können wirklich nichts dafür! Und du glaubst nicht wie oft ich falsch gepackte Koffer, die aus irgendwelchen Gründen nicht beladen werden konnten oder durften doch noch irgendwie ins Flugzeug bekommen habe, weil ich eine elektrische Zahnbürste ausgeschaltet oder die Passagiere beim Boarding ausgerufen habe. Meinst du, es hat sich jemals jemand bedankt? Die Menschen benehmen sich unmöglich am Flughafen! Aber noch mal zum Thema: Ich habe meine WCHR-PAX (Flughafen Sprache ;-)) immer darauf hingewiesen, das sie zuerst einsteigen werden und am Gate von den Kollegen des Flughafen-Service ins Flugzeug gebracht werden. Das einzige Trinkgeld, das ich jemals bekam, gab mir ein älterer WCHR-PAX beim Boarding, weil er mich so nett fand 🙂 Man, hab ich mich gefreut (und er sich auch :-D). Ich glaube wir waren einfach häufig so genervt von Rollstühlen, weil viele Passagiere sie nur zum Transport ihres riesigen Handgepäcks nutzen. Da kommt jemand an deinen Schalter und fragt: Ich möchte für meine Mutter einchecken. Du nimmst den Pass, findest die Buchung und siehst, dass ein Rollstuhl eingetragen ist. Du fragst: Wo ist denn ihre Mutter? Hat sie einen Rollstuhl dabei? – Nein. Sie ist gerade noch Shoppen. Sie kann nicht mehr so gut laufen. Können sie den Rollstuhl bitte hier her bringen, damit sie damit bis zum Flugzeug gebracht wird? –> Sowas hat mich geärgert! Denn damit verpulverst du Ressourcen, die andere Menschen tatsächlich gebrauchen können. Aber du kannst es ja kaum jemandem verwehren… Ok, genug geschwafelt. 😉